1552 - 1945
1552 Tilsit an der Tilse im Preußenland bekommt das Stadtrecht
1807 Der Friede von Tilsit besiegelt das Ende des absolutistischen Preußens
1849 Der "Hauptmann von Köpenick" wird in Tilsit geboren
1908 Die Tilsiter Lichtspiele in der Tilsiter Straße werden gegründet
1917 Hermann Sudermann schreibt "Die Reise nach Tilsit"
1918 Kaiser Wilhelm II. geht Holzhacken in Holland (siehe auch 1925)
1925 Adolf Hitler veröffentlicht "Mein Kampf" (siehe auch 1945)
1939 Veit Harlan verfilmt "Die Reise nach Tilsit"
1944 Kundschafter Dr. Richard Sorge wird in Tokio hingerichtet
1945 Die Russen kommen
Никола́й Эра́стович Берза́рин
1946 - 1989
1946 Tilsit wird in Sowjetsk umbenannt
1949 Wilhelm Pieck wird Präsident der DDR
1953 Nikita Chruschtschow beerbt Josef Stalin
1954 Veit Harlan verfilmt den "Fall Dr. Sorge"
1960 Walter Ulbricht beerbt Wilhelm Pieck
1961 Die Berliner Mauer wird gebaut
1961 In der DDR wird der Tilsiter Käse in Tollenser umbenannt
1961 Die Tilsiter Lichtspiele werden nach Sowjetsk abtransportiert
1962 Das in der Nähe gelegene Kino Kosmos wird eröffnet
1964 Leonid Breschnew entmachtet Chruschtschow
1969 Die Tilsiter Straße wird in Richard-Sorge-Straße umbenannt
1971 Erich Honecker entmachtet Ulbricht
1973 "Die Legende von Paul und Paula" feiert Premiere im Kosmos
1982 Juri Andropow beerbt Breschnew
1984 Konstantin Tschernenko beerbt Andropow
1985 Michael Gorbatschow beerbt Tschernenko
Константин Устинович Черненко
1989 - 2011
1989 Die Berliner Mauer wird wieder abgebaut
1991 Boris Jelzin entmachtet Gorbatschow
1994 Die Russen gehen
1994 Die Tilsiter Lichtspiele werden zurückgegeben und neu eröffnet
1996 Die Ufa baut das Kosmos zum ersten Multiplex in Berlin um
2004 Die Ufa meldet Konkurs an
2005 Das Kino Kosmos wird geschlossen
2008 Die Tilsiter Lichtspiele feiern ihren 100. Geburtstag
2009 Die Tilsiter Lichtspiele erhalten zwei Kinoprogrammpreise
2010 Die Tilsiter Lichtspiele erhalten zwei Kinoprogrammpreise
2011 Die Tilsiter Lichtspiele erhalten einen Kinoprogrammpreis
Tilsit und die Tilsiter
Das kleine Kino und die große Geschichte
Die Tilsiter Lichtspiele waren eines der ersten Kinos in Berlin und feierten 2008 ihr 100jähriges Bestehen. Das kleine Kino in der Richard-Sorge-Straße in Friedrichshain ist damit das älteste noch lebende Berliner Programmkino.
Zu verdanken hat unser Kino seinen Namen der an Tilse und Memel gelegenen ostpreußischen Stadt Tilsit, nach der die heutige Richard-Sorge-Straße von 1883-1969 benannt wurde.
Historisch ergiebig ist Tilsit vor allem durch den Frieden von Tilsit, einem bedeutenden Ereignis von 1807, welches das Ende des absolutistischen Preußens markierte. Osteuropa wurde in eine französische und eine russische Interessensspäre geteilt und Preußen nach den großen Niederlagen gegen Napoleon in seinem Einfluß zurückgestuft.
Am 13. Februar 1849 wurde ein Herr Friedrich Wilhelm Voigt in Tilsit geboren, der knapp ein halbes Jahrhundert später in Berlin Furore machte als Hauptmann von Köpenick.
1946 wurde ein Drittel Ostpreußens von den Sowjets zum Kaliningradskaja Oblast erklärt und in die UdSSR eingegliedert, Tilsit wurde in Sowjetsk umbenannt und heißt heute noch so.
Der Fall Dr. Sorge
1969 wurde die Tilsiter Straße in Richard-Sorge-Straße umbenannt. Der Kundschafter (ostdeutsch für guter Spion) Dr. Sorge belieferte über seine Arbeit in der deutschen Botschaft in Japan die Sowjetunion mit kriegswichtigen Informationen.
Unter dem Decknamen Ramsay unterrichtete er Stalin vom genauen Termin des Unternehmen Barbarossa, des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion - was von diesem jedoch tragischerweise ignoriert wurde. Auch Informationen zum Angriff auf Pearl Harbor wurden von Sorge an den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU weitergeleitet. Die Schlacht um Moskau, der erste große Wendepunkt des 2. Weltkrieges, verdankt Richard Sorges Informationen den für die Rote Armee sieg-, wenn auch verlustreichen Ausgang.
Am 7. November 1944, dem 3. Jahrestag des Überfalls auf Pearl Harbor, wurde Sorge in Tokio hingerichtet. An ihn erinnerte bis 1990 eine Gedenktafel in der Richard-Sorge-Straße, Ecke Weidenweg, die jedoch von Unbekannten geklaut wurde.
Das Wirken Richard Sorges wurde mehrmals verfilmt, u.a. 1954 von Veit Harlan (Jud Süß, Opfergang, Kolberg) in dem Film Verrat an Deutschland - Der Fall Dr. Sorge. 2003 wurde der Fall ausführlicher behandelt in der deutsch-japanischen TV-Produktion Richard Sorge - Spion aus Leidenschaft, in der auch Ulrich Mühe mitspielte (aber nicht als Dr. Sorge).
Der Tilsiter Käse
Der Name Tilsiter findet sich auch in vielen Käseregalen, denn es gibt eine gleichnamige würzige Käsesorte, ein Kuhmilchschnittkäse mit Rotschmiererinde.
Der Tilsiter Käse ist ethnologisch von ganz besonderer Bedeutung, denn seine Entstehung und Verbreitung durch Europa lässt sich heute gut nachvollziehen. Im 18. Jahrhundert brachten holländische Einwanderer Käserezepte in die Memelniederung, die als Vorläufer des Tilsiter gelten. Um 1840 herum wurde von einer Frau Westphal eine Molkerei bei Tilsit gegründet, in der dann der Name Tilsiter zum Käse fand.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Reichsgründung 1870/71 fand ein wirtschaftlicher Aufschwung in der gesamten Region statt und damit eine Überproduktion an Milch. Damit boomte die Käsebranche, die ihren Bedarf an Arbeitskräften vor allem aus der Schweiz deckte, die das technische Know-how der Schweizer Milchwirtschaft mitbrachten.
Als Rückwanderer kam 1893 der Tilsiter Käse in die Schweiz, und zwar in einen Holzhof bei Weinfelden. Dort wurde am 01. August 2007 der Ort Tilsit neu gegründet, um dem Tilsiter Käse wieder eine geografische Herkunft zu geben.
Josef Goebbels Lieblingsregisseur Veit Harlan drehte 1938 ein Melodram über den Tilsiter Käse, in dem Kristina Söderbaum eine holländisch-deutsche Molkerin spielt, die von einem polnischen Bauern gezwungen wird, das Originalrezept an die Slawen zu verraten, worauf sie sich in Schande in einen Milchbottich wirft und ertrinkt. Der Pole verschachert das Rezept weiter nach Osten, wird aber von der Gerechtigkeit eingeholt, als ihn Schweizer Einwanderer nach einem alten Ritual mit Armbrüsten beschießen und in den Kopf statt in den Käse treffen. Der Film wurde im Dritten Reich zunächst verboten, aufgrund unterstellter polenfreundlicher Tendenzen, erhielt aber zwei Jahre später die Freigabe nach zahlreichen Änderungen.
Und im Osten: Tollenser
Die Tollense, ein Fluß im Norden Ostdeutschlands, entspringt dem Tollensesee und mündet in die Peene, die wiederum zur Unterstützung der Oder als Peenestrom bei, wen wunderts, Peenemünde in die Ostsee ausfließt.
Die Tollenser waren ein slawischer Volksstamm, der im heutigen Gebiet der Tollense und des Tollensesees siedelte, und im 10. bis 12. Jahrhundert den Luitizen angehörte, einem Bund nordwestslawischer Stämme, die sich der Christianisierung widersetzten. Sie hatten keine zentrale Führung, aber eine Volksversammlung, die sich besonders in militärischen Belangen beriet.
1961 wurde vom DDR-Landwirtschaftsministerium der Tilsiter Käse nach der Tollense benannt. Damit musste eine der bekanntesten europäischen Käsesorten, die das Pech hatte, einen Namen zu tragen, der durch die Folgeerscheinungen des 2. Weltkrieges zumindest im Osten des geteilten Deutschlands in Verruf geraten war - wie auch 8 Jahre später die Tilsiter Straße - den politischen Gegebenheiten dieser Zeit Rechnung tragen. Immerhin: die Tollenser Sorte wurde 1995 nach EG-Verordnung in die deutsche Käseverordnung aufgenommen, hat also die Ereignisse nach 1989 und den wirtschaftlichen Beutezug der westlichen in den östlichen Provinzen des nunmehr ungeteilten Landes gut überstanden.
Die Reise nach Tilsit
"Wilwischken liegt am Haff. Ganz dicht am Haff liegt Wilwischken. Und wenn man von dem großen Wasser her in den Parwefluß einbiegen will, muß man so nah an den Häusern vorbei, daß man Lust bekommt, ihnen vom Kahn aus mit ein paar Zwiebeln - es können auch Gelbrüben sein - die Fenster einzuschmeißen."
So beginnt Hermann Sudermanns Novelle Die Reise nach Tilsit. Der wohlhabende Fischer Endrik Settegast hat Frau und Kind und verliebt sich heftig in die Polin Madlyn. Ein erstes Mal wehrt er seiner Leidenschaft, doch als er Madlyn zum zweiten Mal begegnet, ist er bereit, seine Frau Elske zu töten. Und so nimmt er sie mit auf eine Bootsfahrt nach Tilsit...
1927 diente die Erzählung als Vorlage für den ersten amerikanischen Film von Friedrich Wilhelm von Murnau, unter dem Titel Sunrise - Lied von zwei Menschen, der als ausgereifteste Produktion Murnaus gilt und 1929 in der allerersten Oscarverleihung überhaupt gleich drei Oscars erhielt.
Die zweite Verfilmung stammt von Veit Harlan, der 1939 bei den Dreharbeiten zum Film Die Reise nach Tilsit seine spätere Frau Kristina Söderbaum kennenlernte und ab da immer mit einer Hauptrolle besetzte.
Die Tilsiter Lichtspiele
Doch zurück zum Kino. Gelegen im Erdgeschoss eines Altberliner Wohnhauses, hat unser kleines Kino seit 1908 eine sehr wechselhafte Geschichte erlebt. Ursprünglich in privatem Familienbesitz befindlich, musste der letzte Betreiber zu DDR-Zeiten 1961 seine letzte Vorstellung geben, als im gleichen Jahr der antifaschistische Schutzwall - die Berliner Mauer - errichtet wurde.
Ein kinobegeisterter sowjetischer Offizier nahm auf seiner Rückreise in die russische Exklave Kaliningrad zusammen mit seiner deutschen Frau die Kinoprojektoren und das Mobiliar mit und eröffnete in der Stadt Sowjetsk ein Kino. Dort war es bis Anfang der 90er Jahre in Betrieb, bis der Sohn des Offiziers in das wiedervereinigte Deutschland zurückkehrte, zusammen mit dem Kino.
Zu diesem Zeitpunkt nutzte eine Gruppe von jungen und engagierten Filmemachern (u.a. Lethe 2014, Die Wahrheit über Van Gogh und Stasi-Film) und Künstlern die leerstehenden Räumlichkeiten als Filmstudio und Atelier für ihren Verein "Kunstgaleere" und sah es bald als Verpflichtung an, das schöne alte Kino zu sanieren. 1994 war es dann soweit, feierlich wurde die historische Stätte neuzeitlich zusammen mit einer Kneipe eingeweiht.
Seitdem erwarben sich die Tilsiter Lichtspiele viele Verdienste um ein anspruchsvolles und ausgefallenes Programm.
Bei uns im Kino
Inge Keller liest Arnold Zweig:
"Junge Frau von 1914" am 16.0.2009
Schauspieler Jürgen Holtz erzählt einen Stasiwitz
Wolfgang-Hilbig-Lesung am 05.06.2008

















